Freitag, Januar 15, 2016

Mein Leben mit dem Besonderen: Über Frühförderung für besondere Kinder



Seit vielen Jahren lese ich bereits den Blog von Katharina, Sonea und ihrer Familie und das aus zwei Hauptgründen: Ich mag ihre "Näh-Fotos" und ich finde ihre Beiträge über das Leben mit Sonea  interessant.

Heute habe ich einmal etwas ganz anderes für Euch und zwar einen "Gastbeitrag" für Katharinas Reihe "Mein Leben mit dem Besonderen".

Ich heiße Mandy und bin 38 Jahre alt. Ich habe 3 Kinder und aktuell 5 (demnächst 6) Nichten und Neffen. Ich könnte über viele Besonderheiten in meinem Leben schreiben:
Ich habe eine Lippen-Kiefer-Spalte (angeboren natürlich). Zwar brachte die mir 3 OPs ein, eine logopädische Sprachüberprüfung vor der Schule, jährliche Kontrollen in der MHH und viele Jahren kieferorthöpädische Behandlung, aber sie hat mein Leben bisher nicht beeinträchtigt. Ich hatte Glück, denn eine Gaumenspalte hätte die Bilanz anders aussehen lassen.
Meine Kinder sind gesund und munter. Einem Kind fehlen zwei bleibende Schneidezähne und der Kleinste hat die ersten 5 Monate seines Lebens so laute Atemgeräusche von sich gegeben, dass ich es an manchen Tagen schon nicht mehr ertragen konnte, angestarrt zu werden und zu erklären, dass es sich um eine harmlose Kehlkopfunreife handelt, welche sich verwachsen wird. Das tat sie auch und zwar schneller als man es nach der anfänglichen Lautstärke vermutet hätte.
Das schlimmste Besondere, was in meinem Leben passiert ist, war der Tod meiner Nichte im Alter von 3 Monaten. Die endlosen Stunden des Bangens, das Warten auf der Intensivstation im Krankenhaus und die Sorgen waren auch für mich eine grenzenlose, emotionale Belastung. Meiner Schwester eine Hilfe zu sein, habe ich trotzdem versucht. Es ist nicht in Wort zu fassen, wie groß der Schmerz beim Verlust eines Kindes ist und schon gar nicht, das des eigenen. Aber darüber schreibe ich jetzt nicht weiter, es wäre ein komplexes Thema. Möglicherweise möchte meine Schwester eines Tages über die Diagnose und ihre Erfahrungen selber mal einen Beitrag schreiben.

Hier in meinem Blog, schreibe ich über das Nähen und zeige Fotos. Das ist mein Hobby und macht mir viel Spaß. Im "realen" Leben bin ich Dipl. Pädagogin, genau genommen Dipl. Heilpädagogin. Seit vielen Jahren arbeite ich dort, wo "das Besondere" ein Gehör findet.
Ich arbeite in einer heilpädagogischen Frühförder- und Frühberatungsstelle. Darüber möchte ich heute Etwas erzählen, denn immer wieder treffe ich auf Eltern, die nicht wussten, dass sie für ihr Kind "Frühförderung" hätte beantragen können.
In Frühförderstellen (egal ob es eine interdisziplinäre oder heilpädagogische Frühförderung ist) werden Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten spielerisch und ganzheitlich gefördert. Die Eltern werden begleitet und beraten, oft gibt es Spielgruppen oder Elterncafés.
Ganz knapp und einfach formuliert haben alle Kinder von Geburt an bis zum Schuleintritt einen Anspruch auf eine Frühfördermaßnahme, wenn sie eine Behinderung haben, von Behinderung bedroht sind oder wenn sie, wie es aktueller formuliert ist, eine Teilhabe Gefährdung haben. (Genaueres über Maßnahmen der Frühförderung findet man im Sozialgesetzbuch Zwölftes Buch – Sozialhilfe (SGB XII) und im Rehabilitationsgesetz (SGB IX, § 30))
Wenn Eltern zu uns kommen, haben sie manchmal eine medizinische Diagnose für ihr Kind, manchmal haben sie etwas beobachtet, was ihnen Sorgen macht (z.B. eine Sprachentwicklungsstörung) oder sie haben eine Empfehlung vom Kinderarzt oder aus der Krippe/dem Kindergarten. Es ist nie leicht für Eltern, weil sich alle wünschen, dass in der Entwicklung ihres Kindes alles gut abläuft. Aber manchmal braucht ein Kind Unterstützung und manchmal sind es die Eltern, die sich für eine Beratung an uns wenden.
Dafür sind Frühförderstellen da.

Frühförderstellen sind unterschiedlich aufgebaut und auch die Wege zur Beantragung sind unterschiedlich. Ich arbeite beispielsweise in einer mobilen Frühförderstelle, wir fahren zu den Kindern nach Hause und bieten den Kindern die Förderung im häuslichen, vertrauten Umfeld.
Der Ort der Frühfördermaßnahme, der Umfang und die Art der Maßnahme unterscheiden sich von Landkreis zu Landkreis, aber alle haben etwas gemeinsam: In Frühförderstellen arbeiten speziell ausgebildete Menschen, die sich mit der Entwicklung von Babys, Kleinkindern und Kindergartenkindern auskennen. Sie haben Kenntnis über viele Behinderungen und Entwicklungsauffälligkeiten und verfügen über ein komplexes Wissen anderen weiterführenden Therapiemöglichkeiten.
Gemeinsam mit den Eltern wird eine Fördermaßnahme für das Kind gestaltet, die spielerisch ist und das Kind auch darin bestärken soll, was es kann. Es ist immer ein Ziel von Frühförderung, dass ein Kind mehr Selbstvertrauen und Freude am Ausprobieren und Lernen von neuen Fertigkeiten und Fähigkeiten entwickelt. Das Kind soll angeregt werden, neue Sinneserfahrungen zu machen und seine Umwelt zu erforschen. Das alles braucht oft Zeit und erfordert Geduld, denn wie ein altes afrikanischen Sprichwort sagt: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht".
Auch behinderte, entwicklungsverzögerte und verhaltensauffällige Kinder sind "normale Kinder" (denn was ist schon normal?), sie brauchen Zeit für sich und Zeiten ohne Beschäftigung. Mehr als andere Kinder benötigen sie jedoch gezielte Förderung, um sich positiv entwickeln zu können und das bietet unter anderem eine Frühfördermaßnahme.
Neben vielen Tipps und Anregungen, die Eltern zur Entwicklungsförderung ihrer Kinder im Alltag erhalten, biete ich (und sicher auch alle Kollegen/Kolleginnen) immer auch einen Raum für Fragen, besprechen Sorgen und vermitteln Kontakt zu Ärzten, Krippen, Kindergärten und anderen Eltern.

Natürlich gibt es noch viele andere Fördermaßnahmen und auch teilstationäre Förderungen, die für ein Kind wichtig oder auch sinnvoller sein könnten. Eltern können sich immer direkt an die Frühförderstelle in ihrer Nähe wenden, wenn sie Fragen haben oder Frühförderung beantragen möchten. Dort kann Ihnen genau gesagt werden, wie eine Antragstellung abläuft und sie ggf. begleiten. Wer keine Frühförderstelle in der Nähe findet, nimmt am besten Kontakt zu einem Kinderarzt auf, fragt beim örtlichen Gesundheitsamt oder dem Sozialamt/Landkreis (Fachbereich Eingliederungshilfe), wo sich die Frühförderstelle befindet.

Wer bereits Erfahrungen mit einer Frühfördermaßnahme für ein Kind gemacht hat, hat vielleicht Lust, mal etwas darüber  für diese Rubrik zu schreiben.

Liebe Grüße,
Mandy

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